Betriebsküche der Deutschen Reichsbahn

Die Betriebsküche der Deutschen Reichsbahn war von 1948 bis 1993 die zentrale Essensversorgung der Bahn-Mitarbeiter am Hauptbahnhof Döbeln.

Entstehung

Nach dem 2. Weltkrieg sollte der Befehl 234 der SMAD eine ausreichende Verpflegung der Beschäftigten in wichtigen Betrieben sichern. Der Dienstort Döbeln Hbf verfügte bis dahin über keine eigene Kücheneinrichtung. Im Jahr 1947 wurde damit begonnen eine leer stehende Baracke am Stockhausener Weg(gegenüber der Poliklinik) als Betriebsküche auszubauen. 1948 konnte die Küche mit einer Kapazität von 300 Portionen täglich in Betrieb genommen werden.

Bald genügte diese Küche den gewachsenen Anforderungen nicht mehr. Der Bau einer neuen Küche wurde geplant. 1952 wurde mit dem Bau der neuen Küche begonnen. Besonders beim Bau der Fundamente leisteten viele Eisenbahner freiwillige Arbeitsleistungen. 1953 wurde der Betrieb in der neuen Küche aufgenommen. Das Essen wurde auf die Stellwerke und den Gleisbauern auf die Baustelle gebracht. Manch einer wird sich noch an die Essen tragenden Kinder erinnern, die ihren Vätern das Essen zur Arbeitsstelle brachten. Die Kapazität der Küche stieg auf 800 Portionen am Tag. Seit 1976 gab es in der Betriebsküche eine Pausenversorgung mit belegten Brötchen, Kaffee und alkoholfreien Getränken.

Kühlkost

1980 wurde die Kühlkost eingeführt, d.h. in einem „Folienschlauch“ mit Schnur abgebunden, wurde das vorgekochte Mittagessen geliefert. Soße, Kartoffeln, Fleisch und Gemüse wurden durch das Abbinden mit Schnur getrennt. Diese Kühlkost wurde am Freitagvormittag zu den Kollegen auf den jeweiligen Dienstposten gebracht, die das Essen bestellt hatten. Es kam in den auf jedem Dienstposten vorhandenen Kühlschrank und wurde zum Verzehr herausgenommen und im Wasserbad auf einem Elektrokocher erhitzt.

Versorgung anderer Betriebe

Diese Versorgung war für die Kollegen mit langer Tag- oder Nachtschicht, Dienst 4 und 5, am Wochenende bestimmt. Aber nicht nur die Kollegen und Rentner der DR wurden von der BeKü DR versorgt, sondern auch die umliegenden Betriebe, wie z.B. die Poliklinik, das Karosseriewerk , die GHG Haushaltwaren (ehemals Firma Herold) und andere Betriebe und Privatleute nutzten diese Einrichtung.

Speisesaal

Der Speisesaal wurde auch für andere Veranstaltungen genutzt. Eine davon war die Kinderweihnachtsfeier für Angehörige der DR. Auch für Veranstaltungen des Wohnbezirksausschusses der Mastener Straße wurde der Speiseraum genutzt. Es konnte dort Schach, Tischtennis und Skat gespielt werden. Außerdem wurden Vorträge zu ausgesuchten Themen angeboten.

Zu den Versammlungen des Wohnbezirksausschusses brachte Herr Klingenberg, Chef der Zigarrenfabrik Döbeln, Zigarren und Zigaretten mit. Ebenfalls von den Erzeugnissen seines Betriebes steuerte Herr Schönfeld von der Süßwarenfabrik Döbeln Feldstr. etwas zu den Versammlungen bei. Auch die Wahlen für den Wohnbezirksausschuss der Nationalen Front wurden hier durchgeführt.

Schließung der Küche

Die Gaststätte und Hotel „Weiße Taube“ versorgte die Eisenbahner vor dem Bau der Betriebsküche mit Essen. Inzwischen wird der letzte verbliebene Betriebseisenbahner, der Fahrdienstleiter auf dem Befehlsstellwerk B1, wieder von der „Weißen Taube“ versorgt, denn unsere Betriebsküche schloss unter Regie der Deutschen Reichsbahn am 31.12.1993. Letzte Küchenleiterin war Frau Wüstner. Sie arbeitete einige Jahre mit Herrn Kostial zusammen, ehe sie die Küchenleitung übernahm.

Geschichte der Küche seit 1993

Von Frau Wüstner erfuhr ich, dass die Betriebsküche anschließend privat übernommen wurde. Es fiel dabei der Name Frau Dienst. Frau Dienst betreibt jetzt die sächsische Küche in der Bahnhofstrasse. Sie sagte mir: „Ja, ich habe als Köchin in der Betriebsküche nach Schließung durch die Deutsche Reichsbahn gearbeitet.“ Inhaber war Lutz Lange. Er übernahm die Küche am 02.01.1994 von der DR. Ich traf ihn mehrmals, aber erst am 10.08.2011, als ich als Vertretung in der DKB- Geschichtswerkstatt war, kamen wir zusammen um uns auszutauschen.

Lutz Lange war Journalist arbeitete für die LVZ und von 1986 bis 1991 für die Betriebszeitung des VEB DBM. Als es absehbar war, dass die Betriebszeitung nicht mehr gebraucht wurde orientierte sich Lutz Lange neu und machte sich in der Schnellgastronomie selbstständig. Zuerst betrieb er einen Schnellimbiss an der Ecke Burgstrasse / Wettinplatz, ehemals Schneidermeister Fleppe. Die Kapazität für die Essenzubereitung war zu klein, deshalb war der Umzug in die Betriebsküche der DR notwendig und für ihn ein großer Gewinn. Die Miete für das ganze Objekt betrug etwa 3000,-DM monatlich.

Er eröffnete dort einen Imbiss mit Kantinenservice, Mittagsmenüs und Auslieferung mit großer Zentralküche. Lutz Lange war zu dieser Zeit der Erste und Einzige der im ganzen Landkreis Döbeln Mittgasmenüs ausgeliefert hat. Bis zu 300 Essenportionen kochte die Köchin täglich. Davon etwa 50 Portionen für Senioren.

In den Jahren 1994/95 hatte er 11 Mitarbeiter, einschließlich des Heizers. Einen B1000, einen VW Passat Variant und einen Seat Transporter hatte er im Laufe der Jahre zur Auslieferung der Mittagsmenüs. Die Fahrer mussten absolut pünktlich und zuverlässig sein, damit das Essen zur festgelegten Zeit beim Kunden ankam.

Die Eisenbahner hatten Abo-Essen. Zu den Kunden der ehemaligen BeKü zählten: die Poliklinik, das Karosseriewerk, das Autohaus Wüstrich, die Versicherung, der Rat des Kreises, die Berufsschule in der Thomas-Mann-Straße und andere. Dazu kam noch die Laufkundschaft.

Mit Vereinigung der beiden deutschen Bahnen, der DR und der DB im Jahr 1993, wurde nach Plan Personal abgebaut und Stellen wurden gestrichen. Der Preis für Reisgepäck und Expressgut verzehnfachte sich, die Fahrpreise versiebenfachten sich. Die gleichen Preiserhöhungen gab es auch im Güterverkehr. Wer sollte das bezahlen? Auf der Straße rollte es ja viel billiger und alle neuen Betriebe wurden auf der „Grünen Wiese“ in der Nähe der Autobahn gebaut. Und so kam es das der Schalter für Reisegepäck und Expressgut schloss, irgendwann gab es keine Übergabefahrten nach Döbeln Nord und Döbeln Ost. Als letzter großer Kunde im Güterverkehr verlud „VEB Landesverteidigung“ ihre Fahrzeuge. Der letzte Güterkunde war der Brennstoffhandel Schäfer in Masten. Man brauchte auch keine eigenen Betriebshandwerker wie Elektriker, Tischler, Schlosser, Klempner usw. mehr. Die waren ja viel zu teuer. Auch das Bahnbetriebswerk brauchte man bald nicht mehr. Und so schrumpfte das Bahnpersonal monatlich.

Lutz Lange spürte das natürlich auch in seiner Küche. Diese fehlende Kundschaft wurde aber durch andere Leute ausgeglichen. Im Jahr 1996 nahmen die Reparaturen zu. Es gab auch keine Betriebshandwerker der DR mehr die bis dahin die Reparaturen an „ ihrer“ Küche kostenlos ausgeführt hatten. Etwa drei Jahre betrieb Lutz Lange die ehemalige Betriebsküche der DR nach deren Schließung am 31.12.1993.

Im Jahr 1997 kam nun das endgültige Aus für die Küche der DR. Das Gebäude steht seitdem ungenutzt und verfällt. Im Jahr 2010 erwirbt die Firma „HFH Bike Attack“ Döbeln von der DB Netz AG das Grundstück der ehemaligen BeKü der DR. Im Mai wird das Gebäude entkernt und im Dezember 2010 zieht die Firma in die neuen Räume ein.