Reichenstein  

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Diese recht unbedeutende Erhebung im mittleren Bereich der heutigen Reichensteinstraße, wurde mit der Industrialisierung von Döbeln vollständig abgetragen und überbaut. Der 1358 erstmalig als Vasall des Bischofs von Meißen auftretenden Ulman von Stůpicz war ein Vetter des legendären Dietrich von Staupitz (Ritter Staupitz). Dieser Ulmann II. ergänzte um 1360 sein unmittelbar westlich der Stadt gelegenes Gut „Reichenstein“ um Befestigungen. Die Bürger von Döbeln fühlten sich offensichtlich dadurch bedroht. Staupitz versuchte diese schließlich in einem offenen Brief zu beschwichtigen indem er schrieb:

Ich Her Ulman von Stupicz unde myn Erben bekenen an dysen offene brife. Alle den di in sehen odir horen lesen. Das wir haben gebuyt eyn bercfrit zu uem Richensteyne, dem lande zu fromen unde nicht zu schaden. unde sundirlich den von Dobelyn. Unde were das eyn ungeno-de worden in dem lande so sulden di von Dobelyn unde andere bedirwe lute zu flucht haben zu den vorgenannten bercfrede. Ouch sal von dem selben bercfrede keyn schade geschen wedir dem lande noch den luten. Ouch gelobe wir wo wir das vorgenannte bercfrid odir das gut vor keuften andirn lute dy sulden das selbe vun keyn der stat zu Dobelin unde keyn deme lande unde halden also hi vor beschreben ist das wir das stete un ganz halden wolle des hab ich H[err] Ulman min ingesegel an dysen brif gehangen der do gegeben ist nach Gotes geburt driczen-hundirt iar un in dem sechzegisten iare an dem suntage noch phingesten.

Eine Ritterburg im heute landläufigen Sinne, oder, wie teilweise sogar behauptet wird, ein Schloss der Staupitze auf dem „Reichenstein“ bei Döbeln ist höchst unwahrscheinlich. Das dem niederem Adel angehörende Geschlecht wäre im beginnenden Abstiegssog seines Standes wohl kaum in der Lage gewesen, für einen großen, repräsentativen Bau und dessen Unterhalt die nötigen Mittel aufzubringen. Sicher hat in der jüngeren Vergangenheit die 1360 erfolgte Nennung eines Bergfriedes dazu geführt, einen großen Wehrbau zu vermuten.

Der Begriff „Bergfried“ kommt allerdings als perfrit, berchfrit, berfride usw. in mittelalterlichen Schriftquellen recht oft vor. Er bezeichnet dort aber nicht zwingend einen Burgturm, sondern überwiegend andere Turmarten wie beispielsweise Belagerungstürme, Glockentürme (Belfried) oder Speicherbauten. Der Hauptturm einer Burg wird meist schlicht „Turm“ oder „großer Turm“ genannt. In spätmittelalterlichen, niederdeutschen Nachrichten ist die Bezeichnung berchfrit, berchvrede oft auch im Zusammenhang mit Herrensitzen des niederen Adels zu finden. Erst im 19. Jahrhundert kam „Bergfried“ als allgemeine Bezeichnung für den Hauptturm einer Burg auf. Eine Definition, die sich seitdem in der deutschsprachigen Literatur für derartige Bauten „eingebürgert“ hat. Im Fall der „Staupitzburg vom Reichenstein“ sollte wohl eine späte Turmhügelburg[1] hinter dem bercfrede in der Urkunde von 1360 gesehen werden. Die dem Umfeld anhaftende Bezeichnung „Burgstadel“ steht damit im Zusammenhang.

Wie verhält es sich nun aber mit der immer wieder beschriebenen Lage dieser Anlage auf dem „Reichenstein“? Hier verschwimmen die nur vordergründig genauen Ortsangaben sehr schnell. Der Name „Reichenstein“ bezeichnete lediglich einen noch im 19. Jahrhundert leicht aufragenden Hügel aus verwittertem Phyllitgestein und dessen direktes Umfeld als eine Wiese oder ein Feld – eben „reich an Stein“.

Am Anfang des 18. Jahrhunderts berichtet der Döbelner Autor Constantin Mörbitz erstmals über den fraglichen Bereich in seiner „Cronica Doebelensia“ indem er schreibt: „Hierauf sol ich etwas gedencken vom Burgstadel. Der Berg dieses Namens lieget der Stadt gegen Abend, hat an der Morgenseite nach der Stadt zu einen Felsen, das so genannte Schwalbenufer, woran unten die Mulda mit voller Fluth anschlägt. Mittag werts aber ist der Berg in Figur eines Winckel-Maaßes ausgegraben, welches man die Schantze nennt.“

Im Jahre 1844 beschreibt Karl Preusker, der Pionier der sächsischen Burgwallforschung, die Reste der Anlage im Westen Döbelns auf folgende Weise: „Nördlich der Stadt (¼ St. davon) am (sogenannten Schwalben-) Ufer der sich hier winkelrecht krümmenden Mulde, auf einer unbedeutenden Anhöhe, befand sich sonst ein fester Ort, der Burgstall zum Reichenstein; doch haben sich ebenso wenige Rudera davon erhalten, da es ohne Zweifel auch nur eine längst geebnete Umwallung mit Pfahlwerk war und einem Steinhause, wenn nicht vielleicht nur ein Holzbau! Der zu einer Veste wenig geeignete Platz ist O. vom felsigen Ufer geschützt, gegen N. dem ebenen Felde gleich, gegen S. und W. an Wiesen liegend, die eine ungefähr dreieckige schanzenartige Vertiefung bilden.“ In der Chronik von Döbeln und Umgegend spricht Wilhelm Hermann Biltz zusätzlich von einem Weg, der über diesen Bereich führt.

Auf einer Karte vom Anfang des 19. Jahrhunderts finden wir die einzige wirklich genaue Darstellung des von beiden Autoren beschriebenen Bereiches. Da sich die Kartierung jedoch auf den Flusslauf bezog, endet diese leider oberhalb der Hangkante. Trotzdem sind einige Rückschlüsse möglich. Wie von C. Mörbitz beschrieben, springt kurz nach dem ersten Muldenwinkel ein deutlicher Geländesporn links des Muldenlaufs, etwa in Form eines Dreiecks mit abgerundeter Spitze nach Süden hervor. An dessen Osthang führt der von W. H. Bilz beschriebene Weg nach Kleinbauchlitz auf das Plateau hinauf. Nach der Beschreibung K. Preuskers liegt die „schanzenartige Vertiefung“ jedoch so, dass nach Süden und Westen die ebene Wiese angrenzt. Deshalb sollten wir den fraglichen Bereich wohl eher in der Mitte zwischen den beiden Muldenwinkeln suchen. Diese Stelle ist, wie Preusker schreibt, nun in der Tat für eine Befestigung sehr ungeeignet. Es könnte hier eher ein Wirtschaftshof vermutet werden. Doch wo lag die zugehörige Turmhügelburg? Interessant ist in diesem Zusammenhang der stumpfe, winkelförmige Sporn im Süden durchaus, aber der innere Bereich des nördlichen, zweiten Muldenwinkels zeigt wesentlich deutlichere Spuren einer mutmaßlichen Befestigung. Dort zeichnet sich zum sumpfigen Umland deutlich eine Art „Insel“ ab, welche nur über einen schmalen Zugang aus westlicher Richtung erreicht werden konnte. Darüber hinaus ist in der südlichen Ecke der kleinen „Insel“ eine Einbuchtung zu erkennen, die durchaus als Rest eines ehemals umlaufenden und aus der Mulde gespeisten Wassergrabens angesprochen werden kann. Auf der südlichen Seite des Zugangs finden wir, wahrscheinlich zu dessen Deckung, die schmale, längliche Erhebung eines Walls. Da der Durchmesser der „Insel“ zudem nicht mehr als 15m betragen haben dürfte, können wir hier durchaus den Standort einer Turmhügelburg annehmen. Dabei dürfte es sich wohl um den sogenannten bercfrit aus der Urkunde von 1360 gehandelt haben. Es ist auch nicht auszuschließen, dass, bedingt durch einen Standortwechsel, vorgenannter Bergsporn wie auch die „Insel“ zu unterschiedlichen Zeiten eine kleine Befestigung getragen hat. Wann und warum der Herrensitz aufgegeben wurde ist leider nicht mehr zu klären. Die auf der historischen Karte dargestellten Befestigungsreste wurden bei Flussregulierungen und der Bebauung des 20. Jahrhunderts vollständig beseitigt und das Bett der Freiberger Mulde führt heute direkt durch den Bereich der vormaligen „Insel“.

Quellen/Literatur

Ralph Gundram, Dietrich von Staupitz (Buch) - Getreuer oder Raubgesell, Dresden 2011

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